• Patrick Figaj

Und wie recherchierst du?

Aktualisiert: 21. März




Ein Foto, ein Name, eine Erinnerung. Und dann? Wie setzt sich aus all diesen Bruchstücken eine Geschichte zu einem Menschen zusammen. Kaum eine Frage höre ich öfter: Woher hast du deine ganzen Infos. Spoiler: Lässt sich pauschal nicht sagen. Es ist eine Mischung aus richtigen Quellen, Geduld und etwas Glück. Im Folgenden geht's nicht um eine Anleitung. Auch keine Handreiche für Profis. Es geht ums Grundsätzliche. Was mache ich, wenn ich nach meinen Ahnen suchen möchte. Um ihre Geschichte zu verstehen...?

Hier sind 10 Punkte, die Euch weiterhelfen werden.


Am Anfang ist es ein reines Chaos. Es gibt nur dieses drängende Gefühl, mehr wissen zu wollen. Mehr verstehen zu wollen. Aus welchen Gründen auch immer. Über Mütter, Väter, Großeltern, Urgroßeltern oder entfernte Verwandte. Woher kamen sie? Was hat ihr Leben geprägt, was machte sie aus? Wie wurden sie zu den Menschen, die wir vielleicht sogar noch kannten? Warum tragen sie die Namen, die sie tragen? Und was bedeutet das alles für mich?


Schnell ein paar Euro investiert und Namen durch den digitalen Stammbaumanbieter gejagt. Ergebnis: Unbefriedigend. Und nun? Es geht hier um einen Überblick. Wie sich Dinge recherchieren lassen. Keine Anleitung. Aber eine Möglichkeit, wie sich Frust vermeiden lässt. Auch wenn ich als Journalist geübt darin bin, Dinge zu hinterfragen und mir Quellen zu erschließen - ich habe bei meiner eigenen Recherche zu meinem Großvater #Tadschu doch gemerkt:


Tauchst du in die Geschichte, historische Zusammenhänge ein, dann wird es sehr schnell sehr komplex. Manchmal auch zäh. Und dann geht es gar nicht mehr weiter. Diese Liste hat mir dabei geholfen, organisiert zu bleiben. Ich habe sie nicht neben mir liegen, aber indirekt immer im Kopf. Kurz gesagt - 10 Punkte die mir helfen, etwas Ordnung in die Zettelwirtschaft zu kriegen. Wichtige Links habe ich Euch eingebaut. Damit sollten die ersten Rechercheschritte leichter fallen.


Und jetzt geht's los.


1: Wo soll man denn anfangen? Miteinander reden!


Ich falle mit der Tür ins Haus. Aber miteinander zu sprechen, über Vorfahren, zurükliegende Lebensgeschichten, ist der beste Tipp, den ich Euch geben kann. Mit einer Einschränkung: Wenn es geht. Wenn es jemanden gibt, der den Menschen, über den man etwas herausfinden möchte, noch kannte. Oder besser als man selbst kannte. Zugegeben: Das ist natürlich ganz oft einfach nicht der Fall. Aber falls es irgendeine Möglichkeit gibt - und wenn es nur der entfernteste Verwandte ist - mit jemanden aktiv zu sprechen, dann nichts wie los.


Für die Recherche habe ich viele Interviews mit meiner Mutter geführt. Es waren persönliche Erinnerungen, Kleinigkeiten, Details. Vieles kommt erst im Gespräch, wenn man über jemanden spricht, sich erinnert. Auch wenn es Jahre her ist, können Erinnerungen auf einmal wieder sehr präsent werden. Ich hatte das Glück, meinen Großvater selbst noch recht gut zu kennen. Habe also selbst viele Erinnerungen, die aus heutiger Perspektive natürlich auch einen Teil dazu beitragen, wie ich sein Leben, sein Erlebtes, jetzt bewerte. Und einordnen kann. Vor allem in der ersten Folge des #Podcasts geht es viel um Erinnerung. Gespräche. Die sich durch die einzelnen Folgen ziehen.



Es muss aber nicht immer die direkte Verbindung sein. Für den Podcast zu #Tadschu habe ich viele Interviews geführt. Mit Zeitzeugen, Forschenden, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern - aber schlicht auch: Unbeteiligten. Einfache Gespräche können Anstöße geben. Auch für Eure Recherche. Also nutzt sie.


2: Ordnung ist die halbe Miete


Noch so ein Allgemeinplatz. Aber mit einem ganz entscheidenderen Hintergrund: Denn auch wenn es zu Beginn einer Recherche womöglich nur wenige Dokumente sind, die vorliegen - nach ein paar Wochen oder gar Monaten können schon einige digitale Ordner mit Texten, Links, Fotos, Notizen gefüllt sein. Und dann wird es ohne eine Struktur schnell unübersichtlich. Mir hat es geholfen, Dinge chronologisch zu ordnen. Über bestimmte Zeitepochen hinweg. Grob zum Beispiel - vor, während oder nach dem 2. Weltkrieg. Wer engere Maschen zieht, legt sich Jahreszahlen-Ordner an. Grob die Jahrzehnte, danach die Feinstruktur. Dokumente, Literatur, Fotos. Egal für welche Struktur man sich entscheidet: Hauptsache es gibt eine. Sie wird Euch am Ende viel Zeit ersparen. Und so etwas wie ein Archiv werden. So spart man sich viel Doppelarbeit.


3: Die ersten Dokumente


Wahrscheinlich startet die Recherche fast immer mit irgendeinem Dokument. Einer Urkunde, einem Ausweis, einer Liste. Und einem Namen. Namen sind zentrale Bausteine einer Recherche. Aber mit ihnen ist es komplizierter, als es zunächst den Anschein hat. Je nach dem, welcher Herkunft der Name ist, kann er im Laufe der Zeit verändert worden sein. Oder schlicht in seinem jeweiligen Ursprungsland, wenn es um Forschung über Ländergrenzen hinweg geht, ganz anders geschrieben werden. Das betrifft übrigens vor und Nachnamen.



Am Anfang ist nicht immer gleich Übersicht da. Das ist normal. Mit etwas Geduld lassen sich viele Dokumente aber nach und nach in einen historischen Kontext bringen.

Tadeusz, den Vornamen meines Großvaters, habe ich in den verschiedensten Schreibweisen gefunden. Unter anderem wurde er in einem Dokument als "Terensy" beschrieben. Das ist weit von dem entfernt, was ich gesucht hatte. Beliebtes Beispiel: Sascha. Die russische Kurzform für Alexander. Richtig gelesen. Hat rein gar nichts miteinander zu tun. Kennt man den Kontext, dann schon. Aber es gibt oft Möglichkeiten, diese Unterschiede abzugleichen. Beispielsweise mit Daten. Geburtsdaten. Orten.

Stimmen die wiederum mit Namen überein, können solche Unstimmigkeiten durchaus auch mal auf eine völlig andere Spur führen. Anhand anderer Schreibweisen öffnen sich aber auch neue Recherchewege. Denn Dokumente können natürlich in unterschiedlichen Archiven unter verschiedenen Namen abgelegt sein. Und manchmal stellt sich gerade deshalb ein neuer Sucherfolg ein - zum Beispiel in einer Suchmaschine. Damit wird jeder starten. Namen googeln. Aber lasst Euch davon nicht zu lange aufhalten. Und nutzt erweiterte Suchbegriffe bei google, um auch Dokumente durchsuchen zu können. Oder Texte. Womit wir beim nächsten Punkt sind.


4: Ohne Archive kein Erfolg


Archive sind der Dreh- und Angelpunkt einer Familien- bzw. Personen-Recherche. Und es ist ein Segen, dass die meisten mittlerweile viel Energie in die Digitalisierung der Bestände stecken. Was aber auch zur Wahrheit gehört: Bei weitem nicht alles lässt sich digital recherchieren. Für eine fundierte Recherche müsst ihr aus dem digitalen Raum ausbrechen. Es gibt:


Stadtarchive, Landesarchive, nationale sowie internationale Archive und spezialisierte Archive. Es gibt öffentliche und nicht-öffentliche Archive. Es gibt leicht zugängliche und weniger zugängliche Archive. Es gibt Online-Bibliotheken, Dokumentenlisten, Forschungsbestände. Und noch sehr vieles mehr. Kurz: Es gibt einen riesigen Schatz an Möglichkeiten, der zunächst einmal gehoben werden möchte. Am Besten startet man in der Nähe. Im eigenen Umfeld. Wenn die Person, die man sucht, dort auch gelebt hat. Es geht also meistens ins Stadtarchiv, oder das der Gemeinde, in der man lebt. Dann sind es zunächst oft Mail-Anfragen. Digitalisiert sind in der Regel nur größere Stadtarchive (klar es gibt Ausnahmen) - und selbst dort lassen sich personenbezogene Daten nicht auf einen Klick anfordern.


Ähnlich ist es beispielsweise beim Bundesarchiv. Auch wenn es hier nicht in erster Linie um Namen, direkte Ahnenforschung, sondern vielmehr um Dokumente geht. Wobei das natürlich vom Einzelfall abhängig ist. Generell ist es schwer zu sagen, welches Archiv für wen am Besten geeignet ist. Es ist wie so oft: Es kommt ganz darauf an, wen oder wonach man sucht. Das Bundesarchiv hat einen riesigen Bestand. Digitalisierte Aktenbestände, Schriftgutbestände, DDR-Unterlagen, Akten der Reichskanzlei, Kabinettsprotokolle der Bundesregierung. Ein großartiges Archiv. Für das es Zeit braucht. Und mit dem man nicht unbedingt beginnen sollte.



Blick in einen Gang und den Bestand der Arolsen Archive. Hier liegen Millionen Dokumente von Menschen, die im Nationalsozialismus verfolgt wurden oder durch die Nationalsozialisten Nachteile erlitten.


Etwas anders funktionieren mittlerweile internationale Archive. Ich möchte hier zwei beispielhaft anführen, die mir in meiner Recherche sehr weitergeholfen haben. Die Arolsen Archives in Bad Arolsen (Hessen) und die UN Archives in New York (USA). Diese beiden Archive sind unglaublich weitreichend digitalisiert. Hier liegen Millionen Dokumente aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, den Jahren davor aber auch danach. In den Arolsen Archiven lassen sich sowohl Namen als auch Themen recherchieren. Die Suchergebnisse werden in Listen ausgegeben. Hier lassen sich dann Dokumente, Akten, mit etwas Glück sogar Bilder finden und durchsuchen. Außerdem gibt es mitunter Hilfestellungen, wie bestimmte Dokumente zu lesen sind. In #Tadschus Fall haben CM/1-Akten eine wichtige Rolle. Diese Akten umfassten CM/1-Anträge, mit denen der Displaced-Person-Status beantragt werden konnte. Außerdem noch viele weitere Dokumente und manchmal auch Schriftverkehr. Beim International Tracing Service (ITS) wurden die Akten Anfang der 1960er Jahre in Umschläge verpackt.


Ein Ausschnitt von Tadschus CM/1 Akte. Ein Dokument, dass durch viele Hände ging. Ich habe unterschiedliche Ausführungen gefunden.


Man muss das zunächst einmal nicht zwangsläufig wissen, um weiterzukommen. Es hilft aber ziemlich. Und es gibt beispielsweise eben auch e-Guides, die zum besseren Verständnis angeboten werden. Wie werden Dokumente gelesen, was bedeuten die Abkürzungen, uvm. Wer tieferen Einblick in die Arbeit der Arolsen Archive haben möchte: Ich habe sie besucht. Folge 3 des #Podcast handelt davon:



Bei den UN Archives ist es mitunter nicht ganz so einfach, einen Treffer zu landen. Hier braucht man vor allem eines: viel Geduld. Oft liegen hunderte Dokumente in einzelnen Ordnern, vor Jahrzehnten kopierte Dokumente, die später digitalisiert worden sind. Man muss schon sehr genau wissen, was man gerade suchen möchte. Und sich Zeit nehmen. Aber dann lassen sich durchaus Schätze in diesen Dokumenten finden. In einem Ordner hatte ich zum Beispiel das Glück, ein Bild aus einer Werkstatt eines Lagers für Displaced Persons zu finden, in dem mein Großvater für kurze Zeit lebte. Sie befanden sich ganz hinten in dem Dokument, in einem über 100 Seiten starken Ordner. Außerdem lässt sich in vielen Dokumenten nachlesen, wie die Alliierten auf die Situation der Menschen geschaut hat. Wie Dinge bewertet wurden, wie Original-Dokumente oder Varhaben der Nationalsozialisten damals schon erstaunlich genau interpretiert wurden.


5: Archive sind nicht gleich Archive


Um beim Thema zu bleiben: Archive sind wahnsinnig unterschiedlich. Ich habe die Erfahrung gemacht, aus einem staatlichen Archiv in Polen innerhalb von wenigen Stunden eine Antwort zu bekommen. Auf der anderen Seite gibt es zum Beispiel Kirchenarchive, bei denen eine Recherche schon einmal mehrere Wochen in Anspruch nehmen kann. Oder am Ende zu gar nichts führt. Auch diese Erfahrung habe ich gemacht. Sie ist zum Teil frustrierend. D.h. - sie ist frustrierend. Aber das gehört dazu. Und wer intensiv sucht, wird irgendwann zwangsläufig an eine verschlossene Tür stoßen.

Archive können dann furchtbar unbefriedigend sein. Das gehört zur Wahrheit dazu. Manchmal sind sie Sackgassen, manchmal ein Erfolgsgarant. Am Ende aber muss man sagen, lohnen sie sich fast immer. Denn auch Kontext hilft weiter. Über den eigenen Tellerrand hinauszulesen.


6: Fotos sind der Schlüssel (ziemlich oft)


Fotos, Bilder aus der Vergangenheit, sind eine emotionale Komponente in der Suche nach der eigenen Vergangenheit - und damit derer unserer Verwandten. Portraits, Situationen, Gegenstände, Orte. Sie können Wichtiges und Unwichtiges zeigen. Aber immer gilt: Jeder Hinweis ist Gold wert. Wer sich für eine extrem tiefe Recherche anhand von einzelnen Bildern interessiert, sollte von Wendy Lower "The Ravine" lesen. Hier habe ich darüber geschrieben.



Die Rückseite hält auf Fotos durchaus interessante Details parat.

Fotos können wichtige Details zeigen, die bei der eigenen Recherche weiterhelfen. Wo wurde das Bild aufgenommen, wann? Wo war der oder diejenige zu dieser Zeit? Welche Kleidung ist auf dem Bild zu sehen. Und warum? Welche anderen Menschen sind darauf? Es gibt tausende Ansätze auf Fotos. Und es gibt einige auf ihrer Rückseite. Auch wenn die Bilder in Alben kleben. Macht Euch die Mühe, und schaut dahinter. Aber zunächst: Digitalisiert die Bilder! Nichts ist schlimmer, als Fotos mit der Zeit zu verlieren, weil sie kaputt gehen, zerstört werden, verbleichen. Manchmal lassen sich sogar Details durch digitale Nachbearbeitung aus den Fotos herauskitzeln, die einem zunächst gar nicht aufgefallen sind. Details, die aber eben auch auf den Rückseiten der Fotos zu finden sein können. Oft wurden früher Namen und Orte, auch Personen auf den Bildern beschrieben. Und auf den Rückseiten notiert. Namen, die wieder weiterhelfen bei der eigenen Recherche. Orte und Daten, die Futter für digitale Archive bieten.


Fotos: Privat / Stadtarchiv Kassel. Durch Strukturen ließen sich am Ende Hinweise auf Tadschus Blickwinkel identifizieren.

Ein weiterer Vorteil: Fotos lassen sich manchmal abgleichen. Das heißt, Orte können beispielsweise quergecheckt werden. Warum ist das wichtig? Ganz einfach, weil man sich manchmal aus den Dokumenten auch falsche oder irreführende Dinge erschließen kann. Überhaupt ist das eines der größten Probleme der Recherche:



Zerstörung 1943 in Kasel: Abgleich der Industrieanlagen, links Spinnfaser AG (Privat), rechts Fieseler-Flugzeugwerke nach Bombardierung 1943 (Library of Congress). Der markante Wasserspeicher lässt sich aus verschiedenen Blickwinkeln wiedererkennen.


Dinge falsch zu deuten. Oder etwas anderes in sie hineinzuinterpretieren. Davor geschützt ist keiner. Man sollte im Zweifel nur besser eine dünne Beweiskette lieber zur Seite legen, als sie für gesichert anzunehmen. Dann kann einem am Ende auch nicht noch Wochen oder Monate später eine falsche Fährte stundenlange Arbeit zerstören.


Eine frühe Aufnahme: Opa in Polen. Er ist noch ganz frisch in der Stadt.

Bildabgleiche - in #Tadschus Fall einer Fabrik - können aber Gewissheiten bringen. So konnte ich nach langer Suche mit Hilfe historischer Aufnahmen eigene Fotos abgleichen. Und Orte zweifelsfrei zuordnen. Was nicht selbstverständlich ist. Außerdem sind Fotos wenn man so will die Landmarks einer Spurensuche. Je weiter man zurück in der Zeit geht, desto weniger Fotos werden sicher vorliegen. Umso wertvoller sind Aufnahmen aus lange zurückliegenden Jahren. Manche, wie die Straßenszene von Tomaszow, auf der mein Großvater mit zwei anderen Männern 1937 durch die Stadt läuft, habe ich unzählige Male studiert. Jedes Detail. Alles kann am Ende wichtig werden. Deshalb nehmt Euch Zeit für Fotos. Und nutzt jede Möglichkeit, Informationen daraus zu ziehen.


7: Bücher und Texte


Die meiste Zeit innerhalb der Recherche verbringe ich mit damit zu lesen. Das sind völlig unterschiedliche Dinge. Oft sind es Texte, die ich im historischen Zusammenhang brauche, um Lebensabschnitte einordnen zu können. Online-Textfragmente, Absätze, wissenschaftliche Texte, Bücher zu Geschichte und politischen Konstellationen. Ganz grundsätzliches, manchmal sind es aber auch nur ein oder zwei Sätze aus einer Analyse, die ich brauche. Die mir aber weiterhelfen. Ein Tipp: Nicht von Überschriften oder langen Kapiteln ablenken lassen. Bücher lassen sich über google.books wunderbar vorrecherchieren. Möchte ich tiefer eintauchen, suche ich teilweise nach gebrauchten Büchern - wenn ich sie nicht in einer Online-Bibliothek finden kann.


Wichtig ist der Unterschied zwischen Primär- und Sekundär-Quellen. Stellt Euch immer die Frage, was ihr da eigentlich lest. Ist es ein Text, der aus der Zeit kommt, über die ihr Euch informieren wollt? Der von jemandem verfasst worden ist, der direkten Bezug zu einem Ereignis hat? Oder ist es ein beschreibender, analysierender, aber zeitlich nachgeordneter Text. Das ist für die Perspektive wichtig. Aber auch für den Kontext, in dem etwas verfasst wurde. Und in dem es vielleicht eine andere Intention hatte. Ich habe beispielsweise einige Bücher auf polnisch gelesen, die aus den 1930er Jahren sind. Ich habe sie doppelt übersetzt. Digital - und mit Hilfe von Menschen, die im Gegensatz zu mir polnisch sprechen. Um nicht falsche Zusammenhänge herzustellen.


Eine Art Festschrift, als Zeitung herausgegeben. Neben Details im Text haben auch die Fotos eine Verbindung zu den Fotos aus meinem privaten Archiv herstellen können.

Tadschu mit seiner Kapelle in Lisków. (Liegend mit Wappen). Hintergrund und Positionen stimmen mit dem Dokument überein.

Dennoch: Ein erster Ansatz darf sein, sich bestimmte Textstelle mit Hilfe des google-Translators zu erschließen. Für einen weiterführenden Check solltet ihr euch bei fremdsprachigen Texten - wenn ihr die Sprache nicht selbst sprecht - Unterstützung holen. Um Dinge nicht falsch zu verstehen.


Ich möchte an dieser Stelle noch eine Lanze für die Bundeszentrale für politische Bildung brechen. Was dort angeboten wird, ist ein unschätzbarer Fundus an Hintergrundwissen, den man nutzen sollte. Besonders dann, wenn man in einen Themenbereich einsteigt, den man vielleicht bislang nur gestreift hat. Mir hat es bisher jedenfalls nicht geschadet, mich immer wieder durch Texte zu #Zwangsarbeit, #DisplacedPersons oder ähnlichem zu lesen. Ganz allgemein: Wer sich mit dem Nationalsozialismus, seinen Auswirkungen, dem Entstehen und der Zeit danach beschäftigt, stößt immer wieder auf Begriffe, die nicht sofort parat sind. Nicht sofort greifbar. Dann lohnt sich der Blick auf bpb.de.


8: Warum schreibt der nicht Literatur?


Weil - die kommt jetzt. Es gibt tatsächlich Bücher, die weiterhelfen können, aber eben keine Sachtexte sind. Vielleicht ist das an dieser Stelle etwas hölzern. Aber ich finde es ist ein Punkt. Und ein wichtiger Unterschied. Beispielsweise hat mir Alfred Döblins "Reise nach Polen" so viel wie fast kein anderer Text über die Situation der Menschen in den polnischen Fabriken vor dem 2. Weltkrieg erzählt. Döblin beschriebt darin Spinnfaser-Fabriken, so wie sie auch für meinen Großvater gewesen sein müssen. Er arbeitet sowohl in Polen, als auch nach seiner Verschleppung als Zwangsarbeiter in einer solchen Fabrik.


Aufgerollte Fasern in einer polnischen Spinnfaserfabrik.

Was ich damit sagen will: Es ist okay, nicht wissenschaftliche Bücher zu lesen. Um ein Gefühl für die Zeit zu bekommen, kann das sogar sehr hilfreich sein. Natürlich muss man, wenn es um pure Daten und Fakten geht, auf andere Bücher zurückgreifen. Aber dennoch: Auch ein Roman könnte einen Hinweis mit sich bringen, an den man eventuell noch nicht gedacht hat.


9: Zeitungen und Zeitschriften (ja, das darf man)


Es ist ja schon angeklungen. Und es ist wahrscheinlich auch vielen völlig klar. Aber ich möchte hier mal noch ein paar Sätze zu Zeitungen und Zeitschriften verlieren. Der Spiegel. Im Kontext der Aufarbeitung kamen in den 1970er Jahren durchaus immer mal wieder kleinere Artikel zum Thema Zwangsarbeit. Auch zum Thema #HeimatloserAusländer. Und zwar in Verbindung mit aktuellen Debatten - und das ist mir ganz wichtig - in Verbindung mit dem Zungenschlag der Zeit. Wenn in Artikeln klar wird, wie unerwünscht ehemalige Zwangsarbeiter in der Nachbarschaft waren, dann lässt sich für mich ein Kontext erfassen. Ich kann Dokumente aus den 1950ern über meinen Großvater ganz anders lesen, als ohne diese Artikel. Der Spiegel lässt sich ganz einfach online durchsuchen. Alte Artikel sind über die Suchmaske auf Spiegel.de zu finden.


Ein Spiegel-Artikel über Displaced Persons aus dem Jahr 1983.

Bei meiner Recherche habe ich das Glück, in Mannheim ein sehr großes und modernes Stadtarchiv in der Nähe zu haben, dass dazu noch relevant in Bezug zu meinem Großvater ist. Denn er war nach dem Krieg im #LaborService der US-Amerikaner. Die Mannheim prägten. Und auch eine frühe publizistische Parallelwelt ermöglichten: Eine Wochenzeitung für polnische Mitarbeiter im Mannheimer Labor Service. Das war eine Art Wacharmee-Einheit, die Aufträge der USA in den ehemaligen deutschen Kasernen und Militäreinrichtungen erledigten. Wie das Bewachen der Munitions- und Waffenlager. Diese polnischen Einheiten hatten eine eigene Zeitung. Die wiederum digitalisiert, aber nicht verschlagwortet, als Bilddokumente im Mannheimer Archiv liegen. Vor Ort können Sie digital durchgeblättert werden. Und ich fand Opa in einer Sonderbeilage dieser Zeitung über diese Einheiten dort. Bilder aus der Einheit dieser Wacharmee. Ein Glücksfund. Ein Zeitungsfund. Und wieder ist es der vergangene Alltag, der sich ein Stückchen mehr zusammenpuzzeln lässt. Mit Hilfe alter Zeitungen.


Die UNRRA-News (Die United Nations Relief and Rehabilitation Administration). Eine weitere Zeitung, die deutlich macht, welcher Aufwand darin bestand, Millionen verstreute Menschen wieder zuordnen zu können. Menschen waren nach dem Krieg entwurzelt. Hier geht es um Anlaufpunkte und ihre Geschichten.

10: Treiben lassen


Das ist wirklich wichtig. Lasst Eure Gedanken, eure Suche schweifen. Es gibt ziemlich häufig Punkte, da geht es nicht mehr weiter. Statt resigniert aufzugeben, stöbert. Lest Euch durch andere Dokumente. Wühlt euch durch Akten, die vielleicht in einem in euren Augen viel zu großen Zusammenhang stehen, um mehr über ein Einzelschicksal verraten zu können. Aber genau daraus entstehen neue Impulse. Orte der Erinnerung, Gedenkstätten - viele machen in Sachen Aufarbeitung einen großartigen Job. Und bieten noch dazu Rahmenprogramme und Infoveranstaltungen, die den Horizont erweitern. Und oft auch neuen Input für die eigene Suche geben. Die Topographie des Terrors in Berlin, das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Berlin, das NS-Dokumentationszentrum München. Es gibt unzählige Beispiele. Sucht nach Initiativen in Eurer Nähe, die sich mit der Aufarbeitung der Zeit beschäftigen. Hört Euch Vorträge über YouTube an, abonniert Instagram-Kanäle der jeweiligen Erinnerungsorte. Die Möglichkeiten sind vielfältig. Und werden eure eigene Spurensuche bereichern.


Das wichtigste aber ist, sich überhaupt mit der Geschichte auseinanderzusetzen. Versucht das Vergangene, die Lebenswege Eurer Vorfahren zu verstehen. Ihre Zwänge, Ängste, Überzeugungen. Und bringt sie ein in den gesellschaftlichen Austausch. Denn nur wer zur kollektiven Erinnerungsarbeit beiträgt, ist auch ein Teil davon. Und alle profitieren. Viel Erfolg!

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