• Patrick Figaj

Wir, europäisch anders.


Alan Cabello / Pexels

Derselbe Ort, dasselbe Jahr. Lodz. 1919. Eine Mail, wie sie immer wieder aufploppt.

Ein Frage zu Rechereche und Grenzen der Suche nach Wurzeln. Mich freut das immer sehr, genau dafür steht #Tadschu. Das Projekt. Die Erzählung. Meine Reise. Aber eben diesmal mit einem Unterschied: Es gibt eine Verbindung, auch wenn die Geschichte eine völlig andere ist. Der Großvaters des Suchenden gerät anders in die Irrungen und Wirren des 2. Weltkrieges. Ebenfalls als gebürtiger Pole. Aber der Weg führt ihn durch Gefängnisse bis nach Belgien. Spuren verlieren sich.

Enkel bleiben.

Das finde ich nach wie vor faszinierend: Unsere Spuren zu unseren Vorfahren überspringen nur die Elterngeneration. Und schon sind wir wieder mitten im Krieg in Europa. Krieg in Europa. Drei Wörter, die sich in den vergangenen Monaten eingebrannt, festgesetzt haben. Kein Tag vergeht ohne Meldungen aus der Ukraine. Angriffe. Flucht. Widerstand und Trotz. Und weiter östlich: ruheloses Aufputschen und Drohen. Im Herbstnebel der Kriegsfronten entsteht leicht die Sehnsucht nach einem Schlussstrich. Hier und da, immer wieder fordert jemand, aufzugeben. Still zu halten. Ruhe einkehren zu lassen. Trotz tosender Ungerechtigkeit.

Wo Heimat entrissen wird, gibt es nur das Recht auf bedingungslose Gegenwehr.

Wo Familien zerrissen und Zukunft in Schlamm und Ruinen gebombt wird, kann nur rastlose Unterstützung Trost und Perspektiven öffnen. Das klingt hart. Und aussichtslos konfrontativ. Liegt aber in einer Logik eines europäischen Grundgedankens: Der friedlichen Gemeinschaft. Wer diese aufkündigt, hat die Ideale der europäischen Idee nie verstanden. Oder im Falle von Putin nie akzeptiert.

Es waren dunkle Tage, voller Angst und wenig Hoffnung. 1943. Tief in den Jahren des Scheiterns deutscher Überheblichkeit. Als Millionen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in schwarzen Kellern und stickigen Hallen ihr Schicksal abarbeiten mussten. Und dennoch: Opa verlor seine Hoffnung nicht. Entwurzelt, aus dem Land gerissen, die Heimat verloren. Gebrandmarkt. Fremd. Anders. Trotzdem den Blick nach vorne in ein neues Land gerichtet. Es fällt mir schwer, diese Hoffnung nachzuvollziehen. Diese Kraft, nie aufgegeben zu haben. Aber heute ist es an uns, ein Europa mitzudenken, dass Zukunft hat. Sich weiterentwickeln wird.

Ein Europa ohne Mauern und Grenzen. Ohne Lager und Zäune. Ohne Rechtspopulisten und Hasser.

Doch Gräben werden tiefer. Nicht entlang einer einzigen Spaltung. Nein. Es sind Risse, die zu Gräben werden können. Überall. In jedem Land, zu jeder Zeit. Der 2. Weltkrieg mag lange zurückliegen. Doch die Erlebnisse der Menschen von damals können uns heute noch immer Wege zeigen. Kleine Pfade aus scheinbar aussichtslosen Situationen. Rechts Italien. Chaotisches England. Unverständliches Ungarn. Schwieriges Polen. Unentschlossene Bundesrepublik. Die Liste ist lang. Und komplex. Vereinfachung wäre ein ein fataler Fehler.

Doch erfrischend zielstrebig: eine gezeichnete Ukraine, die europäische Idee zitierend. Immer wieder. Wir sollten uns den Spiegel vorhalten. Für eine Gemeinschaft, die zu ihren Schwächsten steht. Die Hand reicht, Chancen bietet, statt Probleme zu wälzen.

Unsere Großväter und Großmütter mussten diese Probleme hinnehmen. Sie besonders dann ihr ganzes Leben schultern, wenn sie eine osteuropäische Vergangenheit mitbrachten. Status blieb.

Der Staat hielt sie hin. Doch nachfolgend konnten ihre Töchter und Söhne, ihre Enkelinnen und Enkel, das Europa mit Leben füllen, dass den Gründungsvätern - zumindest auf dem Papier - vorschwebte. Eine Einheit, ein Verbund, der das Menschliche in den Vordergrund stellt. Eine Idee, so einfach, das sie wegen ihres simplen Anspruchs ständig Gefahr läuft, abgetan zu werden.

Doch dann sehe ich gelb-blaue Kennzeichen. Verstaubte, mit Schlamm verklebte Autos. Frauen und Kinder, die versuchen, ihren Alltag neu zu organisieren. In fremden Straßen. An dunkleren Tagen. Ein Lächeln. Ein Ratschlag. Eine helfende Hand. Europa kann in der Krise so schlicht sein. Und doch so groß. Das ist echte Stärke. Sie liegt in vielen von uns.



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