• Patrick Figaj

Glück. Und Zufall.

Mein Großvater hatte viel Glück.


Das geht mir immer wieder durch den Kopf. Je länger ich seine Geschichte zusammensetze, lerne zu begreifen, damit umzugehen, seine Erlebnisse in meine Erinnerungskultur einzubinden, desto deutlicher wird es. Jeden Tag. Auch wenn ich mir eingestehen muss, dass ich nicht nur annähernd nachempfinden kann, was es bedeutet, verschleppt zu werden. Seiner Wurzeln beraubt. Mit einem ausgrenzenden Abzeichen versehen zu werden. Um später in einem fremden Land mit einer weltfremden Bezeichnung leben zu müssen: Heimatloser Ausländer.

Aus der Erinnerung erleben


Mit diesen Erkenntnissen muss man als Enkel auch erst lernen umzugehen. sich Zeit nehmen. Erinnerung, Aufarbeitung, ist keine Sache von Tagen. Oder Wochen. Es ist eine Aufgabe von Jahren. Erst recht dann, wenn man noch eine so konkrete, direkte Verbindung hatte. Opa und ich haben viele Jahre zusammen verbracht. Wobei unsere Welten in einer anderen Zeit unvorstellbar weit auseinandergelegen haben müssen. Wahrscheinlich hat ihm aber genau diese Vorstellung Kraft gegeben. Einmal nach vorne zu schauen. Eine Idee von Heimat zu entwickeln. Eine Familie.


Wenn wir erinnern, auch an einem Tag wie dem #holocaustremembranceday - dann blicken wir zurück ins finsterste und abgründigste dieser Zeit. Wir hören zu, was Menschen in und aus dieser Zeit uns mitgeben. Es gibt nur nur noch wenige, die es uns direkt erzählen können. Erlebtes schildern. Und schon sehr bald wird das komplett vergangen sein. Dann leben wir als erste Gesellschaft in diesem

Land in einer Zeit, die keine Zeitzeugen in Bezug auf den 2. Weltkrieg, den Holocaust, den Nationalsozialismus, Zwangsarbeit und Verschleppung mehr fragen kann. Wir leben aus der Erinnerung heraus, die wir Kollektiv sammeln und weitergeben. Als Teil dieses Kollektivs, der versucht aktiv auch eine vermeintlich kleine, nebensächliche Lebensgeschichte aufrechtzuerhalten, wird mir noch deutlich klarer, wie wichtig diese Beiträge sind. Konkret auf Tadschu bezogen aber gerade jetzt auch wieder, wie viel Zufall dazugehörte, um zu überleben.


Generationen neu mitnehmen

In einer Zeit, die von Willkür und Erniedrigung getränkt war. Aber es gab eben auch dort Gemeinschaften. Und Menschen, die an eine bessere Zeit glaubten. Sie saßen wie Opa (Bild vorne), und sein unbekannter Gefährte auf diesem Bild, beispielsweise über einem zerstörten Frankfurt. Den Blick aber erhaben und voller Hoffnung in die Ferne gerichtet. Man kann diese Zeit, auch ein solches Bild, nicht ohne Kontext verstehen. Man könnte es missverstehen. Übersehen. Anders deuten. Geschichte und das Wissen darüber, was auch abseits der großen Stränge war, wie einzelne Schicksale zu neuen Familiengeschichten führten, sind keine Selbstverständlichkeit. Verständnis und Verständlichkeit dessen was war, muss immer weiter und wieder neu besprochen werden. Neue Generationen wollen nicht vergessen, auch wenn sie vordergründig andere Interessen haben mögen. Viele sind interessiert, manchmal auch fasziniert von den Geschichten vor ihrer Zeit. Und haben es verdient, von uns Zweit- oder Drittzeugen mitgenommen zu werden. Um weiter oder neu zu verstehen, was nie mehr passieren darf.


Fast alle hatten Verluste und Schmerz erlebt. Und dennoch gaben viele nicht auf. Das ist ein Teil der Erinnerung, der auch etwas positives mit sich bringt. Der nicht dem Leid und dem Mord an Millionen Menschen entgegenstehen kann. Aber für das Leben steht. Das eine menschenverachtende Diktatur auslöschen wollte.


Sie hatten keinen Erfolg. Niemals.

Auch weil wir erzählen. Im Sinne der, die das nicht mehr können.



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