• Patrick Figaj

Doppelt vergessen?


Foto: Min An / Pixels

Wer aus seiner Heimat gerissen wird, flüchtet, flieht oder weglaufen muss, weil Verfolgung, Hass oder Terror droht, verliert alles. Nichts kann ein Zuhause ersetzen, das man zurücklassen muss. Bilder von Flucht, Vertreibung — aber auch notwendiger Hilfe, um Schutz zu gewähren, rufen immergleiche Diskussionen hervor. So aufgewühlt die Debatten zum Teil geführt werden: Sie sind nicht neu. Und sie erinnern mich an meinen Großvater. Tadschu. Der als "Heimatloser Ausländer" — Displaced Person — in den Wochen und Monaten nach dem 2. Weltkrieg alles andere als selbstbestimmt entscheiden konnte, wo er sein Leben verbringen wird. Aber er bekam eine Chance. Geht das noch?



DP. IDP. Das Kürzel-Etikett


Ich hab’ das zufällig bei einer Recherche gelesen. Aber die Verbindung und die Ähnlichkeit zu dem, was mich in den vergangenen Monaten beschäftigt hat, verblüfft mich dann doch: In Afghanistan leben 2014 (!)— geschätzt* — mehr als 630.000 Menschen als sogeanannte IDPs. Internally Displaced Persons. Also Menschen, die sich innerhalb eines wie auch immer gearteten staatlichen Territoriums bewegen, aber die Grenze nicht überschreiten. Sie sind auf der Flucht. Aber sie fallen nicht offiziell unter die Definition "Flüchtender".


Die Zahl ist also schon älter. Und es dürften mittlerweile eher mehr als weniger Menschen sein, die jetzt Schutz brauchen. Sich aber weiterhin im Land — in diesem Fall in Afghanistan — aufhalten. Viele haben sich auf den Weg gemacht. Verstopfte Straßen in Kabul. Das Nötigste auf Autos oder Karren gespannt. Unklar: Wo dieser Weg hinführen könnte.


In diesem Zusammenhang konnte sich mein Großvater, konnte sich Tadschu, nicht aussuchen, wo er hinkam. Allerdings war er als DP, als Displaced Person, tatsächlich auch erkennbar. (Ich erzähle davon in der ersten Folge meines Podcasts. Wer sie nicht kennt, kann das hier nachhören.)Ein Pass, Buchstaben auf der Kleiding, ließen keinen Zweifel daran. Die Vorzeichen waren allerdings andere: Nach dem Krieg gab es für ihn, der verschleppt worden war, nur die Möglichkeit eines Neuanfangs. Die Gegner waren besiegt. Es ging darum, eine Perspektive zu schaffen.


Damals wie heute: Kürzel und Bezeichnungen prägen. Auch Tadschu.

Aus heutiger Sicht gilt für viele: Es ist Krieg. Und die Gegner werden vielleicht immer da sein.


Jenseits einer Perspektive


An dieser Stelle könnte man sagen: Es geht hier um Definitionen des internationalen Rechts. Und ja, das stimmt. Aber es geht auch ganz konkret um Menschen. Für die diese Benennung gilt und galt. Wer heute in den Status eines Schutzsuchenden gerät, der ohnehin bereits mit vielen Einschränkungen verbunden ist, wird zwar nicht äußerlich gekennzeichnet. Auf dem Papier aber bleibt ein Status sichtbar: Nicht von hier. Und das wurde in den vergangenen Monaten auf jeden Fall nicht einfacher.


Europaweit werden Barrieren und “Schutzzäune” errichtet, aus Draht und Beton gezogene Grenzen gezogen, um vermeintliche Unbefugte fernzuhalten. Ein Auswuchs oft autokratischer Politik, die aus Angst und politischer Ideenlosigkeit auf tagesaktuelle Sicht fährt. In Polen sorgen so genannte Push-Back-Aktionen für Unruhe. Menschen werden noch an den Grenzen durch Soldaten zurückgewiesen. Wie es aussieht, ein Verstoß gegen die Genfer Flüchtlingskonvention. Und geltendes EU-Recht. Bislang allerdings ohne Konsequenzen. Wohin diese Menschen im Anschluss an solche Aktionen geraten? Viele landen in großen Auffanglagern. Zeltstädten. Sagen wir so: In der absoluten Perspektivlosigkeit.


Lost in Exterritorial-Asyl


Dabei ist das so eine Sache mit dem Neuanfang: Solange Fluchtgründe sichtbar, unmittelbar greifbar sind, ist auch die Anteilnahme groß. Vermummte Taliban kreisen hilflose Afghanen immer weiter ein, drücken sie um den Flughafen Kabul, errichten Checkpoints, drehen die Uhren in kürzester Zeit wohl in eine dunkle Epoche des Landes zurück. Auch wenn ihre selbstinzenierte gutmütige Propaganda einen anderen Eindruck erwecken möchte. Kurz: Das Leid ist nachvollziehbar.


Mir geht es da genauso. Nur: Andere leiden auch. Und immernoch. Lesbos. Chios. Samos.

Oft Orte voller Perspektivlosigkeit: Flüchtlingslager (Bild: Pexels)
Oft Orte voller Perspektivlosigkeit: Flüchtlingslager (Foto: Ahmed Akacha / Pexels)


Auch hier liegen die Probleme ungeklärt und offen vor uns. Der politische Wille ist allerdings deutlich erkaltet. Politiker:innen sind im Wahlkampf zuletzt gefragt worden, ob sie sich nicht dafür schämen, Ortskräfte, die für Deutschland gearbeitet haben, im Stich gelassen zu haben. Man muss die Frage stellen: Wie groß ist die Scham eigentlich, an den Außengrenzen tote und blinde Flecken geschaffen zu haben?


An diesem Punkt hat mich ein zweiter Bericht im SPIEGEL** stutzig gemacht. Denn apropos blinde Flecken: Wohin werden Flüchtende aus Afghanistan gebracht, wenn sie zuvor in US-Army-Fliegern saßen? Die ARD berichtet ebenfalls darüber. Auch die NZZ greift das Thema auf (€). Nachdem tausende Menschen von den unterschiedlichsten Nationen, allen voran den USA, aus Afghanistan ausgeflogen worden sind, müssen sie irgendwo unterkommen. Die Hilfsbereitschaft ist groß. Und das ist schön und gut. Denn dieser Artikel offenbart die Doppeldeutigkeit von Hilfsangeboten. Einerseits geht es darum, dass die USA viele Afghan:innen gar nicht in die USA gebracht haben. Sondern nach Ruanda. Nach Mexiko. Nach Kolumbien. Nach Albanien. In den Kosovo. Stopp.


Genau. In Länder, die selbst größte Probleme mit Flucht und Migration haben. Oder es aber mit der Einhaltung von international geltenden Menschenrechten mitunter nicht ganz so genau nehmen. Aber warum passiert das? Der Artikel beantwortet auch das. Kurz: Es nimmt den Druck von den USA, im eigenen Land bei einigen Schutzsuchenden womöglich eine lange Hängepartie hinnehemen zu müssen. Grünes Licht und Weiterreise für die einfachen Fälle. Aussitzen und abwarten für andere. Irgendwo. Wo es keiner genau sieht. Und vielleicht vergisst. Im Gegenzug gibt es Geld und vermeintlich politisches Ansehen für diejenigen, die Afghan:innen aufnehmen. Das Credo: Schaut her, wir kümmern uns.


Zweierlei Maß? Ja und nein. Humanitäre Hilfe ist immer zu begrüßen. Gerade jetzt, nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre. Dem neu erhitzten politischen Angstmacher-Klima, wenn es um Flucht geht. Und nein. Das rechtfertigt keine Schlagzeilen die die Begriffe Flucht und Welle vermischen. Und schon gar keinen Wahlkampf auf dem Rücken derjenigen, die ohnehin (fast) alles verloren haben.


Einmal entwurzelt, immer heimatlos?


Mein Großvater hatte 1945 seine Nationalität und seine Heimat verloren. Seine Dokumente stempelten ihn ab. Und was mich immer wieder beschäftigt — und gerade in Bezug auf Menschen, die jezt irgendwió hingeflogen werden: Um ein Haar hätte sein Weg nicht in Deutschland weitergeführt, sondern in den USA. Auf den Dokumenten der I.R.O. — der International Refugee Organization — die am 20. April 1946 als Nachfolgeorganisation der United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA) eingerichtet worden war, war das für ihn bereits notiert. Warum dieser Vermerk verändert wurde, beziehungsweise nie umgesetzt wurde, weiß ich bis heute nicht. Ich weiss nur: Tadschu war damals dem ausgesetzt, was offizielle Stellen, politisch Verantwortliche und konkret Ausführende vor Ort für ihn vorsahen. Auch sie hatten Listen. Unaussprechliche Namen.



Listen voller Namen. Auch Tadschu darunter. (Foto Figaj / Quelle: Arolsen Archive)

Mein Opa wurde alleine mit mindestens drei verschiendenen Vornamen geführt. Eine Unterschrift mehr hier, ein Haken weniger dort, und das Leben nimmt einen komplett anderen Verlauf. Eine Familie wird nicht in Deutschland gegründet, sondern tausende Kilometer weiter. Tagesform.




Die politische Macht der kleinen Dinge


Vielleicht ist es in diesen Tagen nur eine Randnotiz. Aber die Parallelen zu Lebensgeschichten, die lange zurückliegen, verblüffen mich. Kürzel. Fluchtländer. Dokumente. Und auch Listen. Sie kehren wieder. Und bestimmen Schicksale. Auch mein Großvater befand sich zwischen 1945 und 1946 in einer Art Auffanglager. In Bretterbuden, aus denen zuvor die letzten Opfer der Nazis befreit wurden, warteten junge Menschen auf eine neue Zukunft. Auch damals: Mit kaum Sprachkenntnissen. Auch damals: Von Vorurteilen gebranntmarkt. Auch damals: In einem ungwissen Umfeld. Doch es gab eine Chance.


Heute leben wir in deutlich größerem Wohlstand. Und trotz aller national-konservativen, teilweise autokrtischen Bestrebungen in der EU waren wir nie so frei. Die Möglichkeit bleibt: Im Rückblick sagen zu können: Wir haben allen gleiche Startbedingungen angeboten, eine ehrliche Chance. Abseits von politisch lautem Getöse, um selbst besser dazustehen. Denn die wahre politische Kunst, für die auch die Gesellschaft ein feines Gespür hat, liegt in der Macht der kleinen Entscheidungen. Jeden Tag.



  • *UNHCR Yearbook 2014, s. Wikipedia Fußnote 21 https://en.wikipedia.org/wiki/Internally_displaced_person#cite_note-21


  • ** SPIEGEL https://www.spiegel.de/ausland/afghanistan-krise-gefluechtete-werden-von-den-usa-in-drittlaendern-wie-uganda-oder-kolumbien-gebracht-a-e53f8e60-066d-4d91-97f6-1737b99e7aaf



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